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10.04.2017 - Nicklas und seine Schulbegleiterin drücken seit neun Jahren gemeinsam die Schulbank

Seit neun Jahren drückt Nicklas mit Diana Dombrowe die Schulbank – bald geht’s in die Prüfungen

Wie andere 16-Jährige fiebert Nicklas Oberthür aus Frankenberg den Abschlussprüfungen der 10. Klasse entgegen. Das Besondere: Seit neun Jahren sitzt Diana Dombrowe permanent neben ihm auf der Schulbank und hilft ihm im Unterricht. Auch wenn er am 5. Mai 2017 seine erste Prüfung in Englisch schreibt, ist die Schulbegleiterin vom Diakonischen Werk Rochlitz e.V. an seiner Seite – in der Prüfungssituation natürlich schweigend. Allein durch ihre Anwesenheit wird sich Nicklas sicherer fühlen. Und durch Handzeichen kann Diana Dombrowe dem Zehntklässler unterstützen, sich auf seine Aufgaben zu konzentrieren. „Ohne meine Schulbegleiterin wäre ich nie so weit gekommen“, resümiert der autistische Schüler mit Asperger-Syndrom.

2007 wird Nicklas in die Lernförderschule in Flöha eingeschult. Er lässt sich schnell ablenken, träumt gerne. Nicklas zeigt die typisch autistischen Muster: Er zieht sich oft in sich zurück und scheint abwesend. Seine Gefühle kann er nur schwer kontrolliert ausdrücken. Unter Anspannung wippt er mit dem Oberkörper, bei Fehlern ist er aggressiv gegen sich selbst. Selbst bei kleinen Unzufriedenheiten bricht seine Wut ungezügelt heraus und sorgt bei seinen Mitschülern für Verwunderung.

Im Laufe des ersten Schuljahres wird bei ihm der Asperger-Autismus diagnostiziert. In der Beratung der Mobilen Behindertenhilfe des Diakonischen Werkes Rochlitz erfahren die Eltern von der Möglichkeit einer Schulbegleitung. Anträge werden für diese Einzelfallhilfe gestellt und glücklicherweise bewilligt. So wird Diana Dombrowe zum Ende der ersten Klasse seine Schulbegleiterin und überhaupt die erste Schulbegleiterin beim Diakonischen Werk Rochlitz.

Die Intelligenz von Nicklas ist ganz normal ausgebildet und so wechselt er mit der zweiten Klasse auf die Erziehungshilfeschule in Schweikershain. Dort wird nach gewöhnlichem Lehrplan unterrichtet, jedoch in kleineren Klassen mit individuellerer Betreuung. Seit der siebten Klasse besucht Nicklas die Erich-Viehweg-Oberschule in seiner Heimatstadt.  Doch bis dahin waren viele Entwicklungsschritte notwendig und es galt, manchen Misserfolg zu verkraften.

„Zum Beispiel konnte Nicklas keinen Ball fangen. Interessiert blickte er der Bewegung des Balls hinterher und hatte Angst ihn zu berühren. Auch sein Speiseplan war sehr eingeschränkt. Viele Lebensmittel lehnte er kategorisch ab und bekam allein vom Geruch schon Brechreiz“, erinnert sich Diana Dombrowe. Mit viel Geduld ermutigt die Schulbegleiterin ihn, zum Beispiel das Gemüse beim Mittagessen zu kosten. Sie übt mit Nicklas das Ballspielen, hilft ihm, sich auf das Fangen zu konzentrieren und alle Nebensächlichkeiten drum herum auszublenden. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert – zum Beispiel eine Stundenplanänderung oder eine schlechte Zensur – gibt sie ihm Rückhalt. Mit Diana Dombrowe werfen ihn kleine Probleme nicht gleich aus der Bahn. Seine aktive Mitarbeit im Unterricht verbessert sich. Er traut sich zu melden, wenn seine Schulbegleiterin ihm flüsternd bestätigt hat, dass seine Antwort auf die Frage des Lehrers richtig ist.

Dennoch ist und bleibt Nicklas Autist – sein Leben lang. Dies merken Außenstehende inzwischen beim ersten Kontakt nicht mehr zwangsläufig. Er hat seine Temperamentsausbrüche meist unter Kontrolle. Beim Essen kostet er zumindest alles. Auch sucht er den Kontakt zu seinen Mitschülern. „Wenn es mir dann zu viel wird, ziehe ich mich einfach wieder zurück“, sagt Nicklas ehrlich und scheut nicht den direkten Blickkontakt. Doch es fällt ihm nach wie vor schwer, Mimik und Gestik bei anderen Menschen zu erkennen und diese nichtsprachlichen Signale selbst auszusenden.

Auch die Eltern von Nicklas haben deutliche Entwicklungsschritte bei ihrem Sohn durch die Schulbegleitung über die vergangenen neun Jahre beobachtet und schätzen die Anregungen von Diana Dombrowe: „Wenn Nicklas etwas Neues ausprobiert hat, zum Beispiel das Ballspielen, habe ich schnell die Gefahr gesehen, er könnte sich verletzen. Frau Dombrowe hat uns ermutigt und uns Hinweise gegeben, was Nicklas voranbringen würde und seine Selbstständigkeit fördert“, so Jacqueline Oberthür.

Vor der Abschlussprüfung wartet ein weiterer Höhepunkt auf Nicklas Oberthür und Diana Dombrowe. Die Beiden fahren auf die Bildungsfahrt der 10. Klasse nach Hamburg. Nicklas schmiedet bereits Pläne, was sie gemeinsam in der Hansestadt unternehmen. Diana Dombrowe denkt weiter voraus: an die Zeit nach der Realschule und an die Umstellung. Denn am letzten Schultag endet der gemeinsame Lebensabschnitt und Nicklas muss die nächsten Schritte ohne Schulbegleiterin meistern. „Vielleicht wird ihm ein berufsvorbereitendes Jahr guttun“, hat sich Diana Dombrowe informiert. „Und er muss lernen, dass es auch mit anderen Helfern funktioniert – beispielsweise mit einer psychologischen Begleitung.“

 

Infobox Schulbegleitung

Schulbegleiter werden auch Integrationshelfer genannt. Sie unterstützen Kinder mit Körperbehinderung, geistiger Behinderung oder psychischer bzw. seelischer Störung in den unterschiedlichen Schulformen. Je nach Beeinträchtigung werden Nichtfachkräfte oder Fachkräfte wie Erzieher, Heilerziehungspfleger oder Sozialpädagogen eingesetzt. Voraussetzung hierzu ist, dass der Schüler überwiegend in der Klassengemeinschaft unterrichtet wird und dabei schulische Fortschritte erzielen kann. Im Rahmen der angestrebten Inklusion wird verstärkt darauf Wert gelegt, dass Schüler mit Behinderungen Regelschulen besuchen können. Derzeit sind 26 Schulbegleiter beim Diakonischen Werk Rochlitz beschäftigt. Sie sind zum Beispiel im Einsatz an der Werksschule in Milkau, an den Grundschulen in Rochlitz und Mittweida sowie an den Förderschulen in Zettlitz und Frankenberg. Beantragt wird die Schulbegleitung über die Eingliederungshilfe beim zuständigen Sozial- oder Jugendamt. Die Mobile Behindertenhilfe des Diakonischen Werkes Rochlitz berät und unterstützt die Eltern gern bei der notwendigen Antragstellung.

 

Text/Foto: Kerstin Rudolph, Projektmitarbeiterin Öffentlichkeitsarbeit, Diakonisches Werk Rochlitz.

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